Erkennen Krähen Menschen wieder?

Ja — und sie geben das Wissen weiter. Was die Maskenstudien aus Seattle tatsächlich zeigen, was die Hirnforschung ergänzt und was daraus nicht folgt.

Wer im Frühjahr wiederholt von derselben Krähe angeflogen wird, während andere Passanten unbehelligt bleiben, fragt sich irgendwann: Erkennt der Vogel mich? Die Forschung hat darauf eine ziemlich klare Antwort — gewonnen vor allem an Amerikanerkrähen in Seattle, ergänzt durch eine Studie an europäischen Dohlen.

Das Maskenexperiment von Seattle

2006 begann der Wildtierbiologe John Marzluff von der University of Washington ein Experiment, das die Seattle Times 2008 als erste formale Studie zur Erkennung menschlicher Gesichter bei wildlebenden Vögeln beschrieb. Seine Frage: Erkennen die Vögel Gesichter unabhängig von Kleidung, Gang und anderen persönlichen Merkmalen?

Um das zu trennen, trugen Marzluff und zwei Studierende Gummimasken. Eine Höhlenmenschen-Maske wurde zur „gefährlichen“ erklärt, eine Maske mit dem Gesicht des damaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney zur „neutralen“. Mit der gefährlichen Maske fingen die Forschenden sieben Amerikanerkrähen auf dem Campus in Seattle, beringten sie und ließen sie wieder frei. In den folgenden Monaten liefen Forschende und Freiwillige mit beiden Masken festgelegte Routen über den Campus, ohne die Vögel zu behelligen.

Was die Krähen sich merkten

Die Krähen hatten nicht vergessen. Sie beschimpften Menschen mit der gefährlichen Maske deutlich häufiger als vor dem Fang — auch dann, wenn die Maske mit einem Hut kombiniert oder verkehrt herum getragen wurde. Die neutrale Maske löste kaum Reaktionen aus. Später erhielten Freiwillige, die nicht wussten, welche Maske welche Vorgeschichte hatte, Masken zum Tragen; auch sie wurden gezielt ausgeschimpft, sobald sie die gefährliche trugen.

In den ersten beiden Jahren schwächte sich der Effekt nicht ab, sondern verstärkte sich. Bei einem Gang mit der gefährlichen Maske, so berichtete Marzluff 2008 der Seattle Times, schimpften 47 der 53 Krähen, denen er begegnete — weit mehr, als den ursprünglichen Fang erlebt oder gesehen hatten.

Die wissenschaftliche Auswertung erschien 2010 in der Fachzeitschrift Animal Behaviour. Sie dokumentiert, dass die Krähen die gefährliche Maske mindestens 2,7 Jahre lang wiedererkannten.

Wie sich das Wissen verbreitet

Eine Folgestudie von Heather Cornell, John Marzluff und Shannon Pecoraro aus dem Jahr 2012 untersuchte, wie Krähen, die nie gefangen wurden, zu ihrem Wissen kommen. Dafür wurden an fünf Standorten rund um Seattle jeweils 7 bis 15 Krähen mit Maske gefangen, beringt und freigelassen.

Die Autoren unterscheiden mehrere Wege:

  • Eigene Erfahrung. Gefangene Krähen schimpften unmittelbar danach auf die Maske.
  • Konditionierung am Fangort. Auch nicht gefangene Krähen reagierten sofort — vermutlich, weil sie sich beim Fang als lärmender Trupp versammelt und die Szene miterlebt hatten.
  • Lernen von Artgenossen. Einzelne Krähen, die nie gefangen worden waren, erkannten die Maske später auch allein wieder. Das werten die Autoren als horizontales soziales Lernen.
  • Lernen von den Eltern. Junge Krähen schimpften selbstständig auf die Maske, nachdem ihre Eltern sie darauf konditioniert hatten — vertikales soziales Lernen.

Aus erster Hand gelerntes Wissen war dabei genauer: Krähen, die den Fang selbst erlebt hatten, unterschieden später präziser zwischen gefährlicher und neutraler Maske als Artgenossen, die es nur sozial gelernt hatten. An einem Standort verdoppelte sich das Schimpfen über fünf Jahre und breitete sich mindestens 1,2 Kilometer vom Fangort aus.

Ob solches Wissen auch in den großen winterlichen Schlafgemeinschaften weitergegeben wird, haben die Studien nicht untersucht. Wie diese Gemeinschaften funktionieren, beschreibt der Beitrag über Rabenvögel im Winter und ihre Schlafplätze.

Wie lange die Erinnerung hält

Die veröffentlichten Studien belegen mindestens 2,7 Jahre für die Wiedererkennung und fünf Jahre für die Ausbreitung des Schimpfens an einem Standort. Wie es danach weiterging, ist bisher vor allem aus Presseberichten bekannt. Nach einem 2024 von der University of Washington wiedergegebenen Bericht erreichte das Schimpfen auf dem Campus um 2013 seinen Höhepunkt und nahm danach allmählich ab. Im September 2023, 17 Jahre nach Beginn, schimpfte bei einem Maskengang keine einzige Krähe mehr.

Die Überschrift dieses Berichts spricht von Krähen, die „bis zu 17 Jahre“ nachtragend seien. Genau genommen zeigt der Verlauf etwas anderes: Das Wissen hielt sich in der Population über viele Jahre und erlosch dann.

Was im Gehirn der Krähe passiert

2012 veröffentlichte Marzluff gemeinsam mit Robert Miyaoka, Satoshi Minoshima und Donna Cross vom Radiologie-Department der University of Washington eine Studie zur Hirnaktivität. Zwölf erwachsene männliche Krähen wurden von Forschenden mit identischen Masken gefangen. Während der vierwöchigen Haltung fütterten Pflegepersonen mit einer anderen, „fürsorglichen“ Maske die Vögel.

Mit Positronen-Emissions-Tomographie (PET) wurde dann gemessen, welche Hirnregionen aktiv waren, während einer wachen Krähe eine von drei Situationen gezeigt wurde: eine Person mit der Fangmaske, eine Person mit der Fütterungsmaske oder ein leerer Raum.

Der Anblick der bedrohlichen Maske aktivierte Schaltkreise, zu denen Regionen im Bereich von Amygdala, Thalamus und Hirnstamm gehören — Strukturen, die bei Menschen und anderen Wirbeltieren mit Emotion, Motivation und konditioniertem Furchtlernen verbunden sind. Die fürsorgliche Maske aktivierte dagegen Motivations- und Striatum-Regionen. Beim Anblick des bedrohlichen Gesichts erstarrten die Krähen und fixierten es mit verringerter Blinzelrate. Die Autoren folgern, dass Krähen visuelle Information mit Erwartung und Emotion verknüpfen, wenn sie Gesichter erkennen.

Woran Krähen Menschen erkennen

Die Masken wurden gewählt, um Gesichtserkennung von Kleidung, Gang und anderen persönlichen Merkmalen zu trennen. Dass Krähen die gefährliche Maske auch mit Hut, verkehrt herum und an fremden Trägern erkannten, zeigt: Das Gesicht allein reicht. Ob Krähen im Alltag zusätzlich auf andere Merkmale achten, haben die Maskenversuche nicht geprüft.

Aufschlussreich ist eine Beobachtung, über die die Seattle Times aus den Versuchen an mehreren Standorten berichtete: Im Stadtzentrum von Seattle, wo die meisten Passanten Krähen ignorieren, kamen die aufgebrachten Vögel ihren „Feinden“ fast nahe genug, um sie zu berühren. Im ländlichen Umland, wo Krähen eher verfolgt und geschossen werden, schimpften sie aus der Distanz.

Auch europäische Rabenvögel?

Die Seattle-Studien betreffen die Amerikanerkrähe. Ob sich die Ergebnisse eins zu eins auf die heimische Rabenkrähe übertragen lassen, ist mit ihnen nicht gezeigt.

Für die Dohle gibt es eine eigene Studie. Gabrielle Davidson und Alex Thornton untersuchten 2015 eine wilde Dohlenpopulation im Dorf Madingley bei Cambridge. Mit einer Maske ging Davidson an drei aufeinanderfolgenden Tagen an Nistkästen, nahm die Küken heraus und wog sie; mit einer zweiten Maske lief sie nur vorbei. Anschließend saß sie mit beiden Masken in der Nähe der Kästen. Die Dohlen kehrten schneller zu ihrem Nest zurück, wenn sie die Maske sahen, die zuvor die Küken entnommen hatte. Sie unterschieden also zwei Masken derselben Person. Tendenziell reagierten sie auch schneller, wenn die maskierte Forscherin sie direkt ansah. Frühere Studien haben laut der Universität Cambridge Ähnliches bei Krähen, Elstern und Spottdrosseln gefunden.

Was daraus nicht folgt

Aus der Fähigkeit zur Wiedererkennung folgt nicht, dass Krähen Rache oder Schuld im menschlichen Sinn kennen. Belegt ist eine gelernte Reaktion auf eine als gefährlich markierte Person, die im Gehirn mit Regionen für Furchtlernen verbunden ist, sich über Jahre hält und sozial weitergegeben wird. Schlagzeilen über „nachtragende“ Krähen beschreiben diesen Befund zugespitzt.

Ebenso wenig folgt daraus, dass Krähen Menschen allgemein feindlich gesinnt wären. Im Gegenteil: Nach Marzluffs Deutung hilft ihnen die Fähigkeit, zu lernen, wen sie meiden und wen sie aufsuchen sollten — und damit sicherer mit Menschen zu leben.

Was das für den Alltag bedeutet

Abwehrflüge von Rabenkrähen gibt es laut LBV nur zur Brutzeit, solange Küken im Nest oder frisch ausgeflogen sind, und sie sind sehr selten. Die Maskenstudien zeigen, dass Krähen sich merken können, wer ihnen als Bedrohung aufgefallen ist. Das kann erklären, warum Abwehrflüge wiederholt dieselbe Person treffen.

Daraus lassen sich zwei vorsichtige Schlüsse ziehen. Ein Kleidungswechsel ist wenig verlässlich, denn die Krähen erkannten die Maske auch mit Hut. Wirksamer ist Abstand: Drei bis vier Wochen nach dem Ausfliegen sind die Jungen laut LBV selbstständig, und so lange lässt sich der betroffene Bereich meist umgehen. Wo solche Begegnungen in der Stadt typischerweise stattfinden, zeigen die Beiträge über Rabenvögel in der Stadt und über Krähen und Elstern in Parks und auf Friedhöfen.

Häufige Fragen

Erkennen Krähen wirklich einzelne Gesichter? Ja, das gilt als gut belegt. In den Experimenten aus Seattle erkannten Amerikanerkrähen eine Maske, mit der sie gefangen worden waren, über Jahre wieder — auch an fremden Trägern und mit Hut.

Wie lange erinnern sich Krähen an einen Menschen? Die Studie von 2010 dokumentiert mindestens 2,7 Jahre. Laut einem späteren Bericht der University of Washington nahm das Schimpfen auf dem Campus nach einem Höhepunkt um 2013 ab und war 2023 verschwunden.

Geben Krähen ihr Wissen weiter? Ja. Die Folgestudie von 2012 fand Hinweise auf Lernen von Artgenossen und von Eltern an ihre Jungen. Sozial gelerntes Wissen war dabei weniger genau als eigene Erfahrung.

Gilt das auch für heimische Rabenvögel? Für Dohlen gibt es eine Studie aus England, die ebenfalls Wiedererkennung einzelner Menschen zeigt. Die bekannten Seattle-Studien betreffen dagegen die Amerikanerkrähe, nicht die Rabenkrähe.

Hilft ein Kleidungswechsel gegen wiederholte Angriffe? Eher nicht. Die Krähen erkannten die gefährliche Maske auch mit Hut. Den betroffenen Bereich für einige Wochen zu umgehen, ist verlässlicher.

Quellen

  1. Marzluff, J. M., Walls, J., Cornell, H. N., Withey, J. C. & Craig, D. P. (2010): Lasting recognition of threatening people by wild American crows. Animal Behaviour 79(3): 699–707.
  2. Cornell, H. N., Marzluff, J. M. & Pecoraro, S. (2012): Social learning spreads knowledge about dangerous humans among American crows. Proceedings of the Royal Society B 279(1728): 499–508.
  3. Marzluff, J. M., Miyaoka, R., Minoshima, S. & Cross, D. J. (2012): Brain imaging reveals neuronal circuitry underlying the crow’s perception of human faces. PNAS 109(39): 15912–15917.
  4. Davidson, G. L., Clayton, N. S. & Thornton, A. (2015): Wild jackdaws, Corvus monedula, recognize individual humans and may respond to gaze direction with defensive behaviour. Animal Behaviour 108: 17–24.
  5. University of Cambridge: Here’s looking at you — research shows jackdaws can recognise individual human faces (2015).
  6. Nijhuis, M. (2008): UW professor learns crows don’t forget a face. The Seattle Times.
  7. Urban@UW (2024): Crows hold grudges against individual humans for up to 17 years — Wiedergabe eines Berichts von Earth.com.
  8. LBV: Krähenattacken — Interview mit Matthias Luy, LBV München.

Stand: 15. September 2026 · zurück zu Lebensraum