Rabenvögel im Winter: Nahrung, Schlafplätze, Trupps

Tausende Krähen am Schlafbaum sind kein Zeichen von Überbevölkerung. Wer im Winter unterwegs ist, woher die Vögel kommen und wo sie übernachten.

Zwischen Oktober und März sind Rabenvögel besonders auffällig: Trupps auf abgeernteten Feldern, Schwärme, die am späten Nachmittag krächzend über die Stadt ziehen, Schlafbäume mit Hunderten oder Tausenden Vögeln. Der Eindruck, es seien plötzlich viel mehr geworden, hat einfache Gründe — und nur wenig mit dem örtlichen Brutbestand zu tun.

Warum Rabenvögel im Winter so auffallen

Drei Dinge kommen zusammen. Erstens gesellen sich im Herbst Durchzügler und Wintergäste zu den ortsansässigen Vögeln. Zweitens sammeln sich Rabenvögel zum Übernachten aus einem Umkreis von mehreren Dutzend Kilometern an einem Platz. Ein Schlafplatz bildet deshalb nicht den Bestand der Umgebung ab, sondern den einer ganzen Region. Drittens verschiebt die früh einsetzende Dämmerung den Abflug in den späten Nachmittag — in die Zeit, in der viele Menschen einkaufen, spazieren gehen oder auf dem Heimweg sind.

Der NABU weist ausdrücklich darauf hin, dass die Massierung an Winterschlafplätzen eine Überbevölkerung nur vortäuscht: Überwiegend handelt es sich um Vögel aus großen Einzugsbereichen und um Wintergäste aus Nord- und Osteuropa.

Wintergäste aus dem Nordosten

Rabenkrähe und Elster sind Standvögel und bleiben das ganze Jahr in ihrem Gebiet. Den großen Unterschied macht die Saatkrähe. Ihr Brutbestand in Deutschland liegt nach den vom NABU genannten Zahlen bei 80.000 bis 89.000 Paaren, der Winterbestand ist durch Zuzügler aus dem Osten und Norden wesentlich höher. Für Bayern hält der LBV fest, dass die Zahl der überwinternden Saatkrähen die der bayerischen Brutvögel übersteigt.

Wie ausgeprägt das regional sein kann, beschreibt die BUND-Kreisgruppe Dingolfing-Landau: Von Oktober bis März sind dort oft große Saatkrähenschwärme aus nordöstlichen Brutgebieten auf den Feldern im Isartal zu sehen, üblicherweise treffen die ersten um Allerheiligen ein. Als Herkunft nennt die Kreisgruppe Polen, Finnland und Russland. Im Sommer ist im Landkreis dagegen keine Saatkrähe zu sehen, weil es dort keinen Brutplatz gibt — die großen Winterzahlen verdecken, wie selten die Art in Niederbayern als Brutvogel ist.

Auch andere Arten erhalten Zuzug. Dohlen aus Osteuropa und dem Baltikum ziehen nach Mitteleuropa, darunter östliche Vögel mit weißem Halsseitenfleck, sogenannte Halsbanddohlen. Nebelkrähen erscheinen im Winter in geringer Zahl auch im Westen Deutschlands. Beim Eichelhäher kommt es im Herbst und Winter gelegentlich zu Masseneinflügen aus Skandinavien und dem Baltikum, beim Tannenhäher ab dem Herbst gelegentlich zu Invasionen aus Nordosteuropa und Sibirien. Tannenhäher und Alpendohle besuchen im Winter außerdem Siedlungen.

Gemischte Trupps: woran man die Arten erkennt

Im Winter sind Dohlen oft mit Saat-, Raben- und Nebelkrähen gemeinsam unterwegs. Schwarzes Gefieder allein reicht dann für die Bestimmung nicht. Die wichtigsten Merkmale:

  • Saatkrähe — etwa so groß wie die Rabenkrähe, Schnabel schlanker und spitzer, Gefieder je nach Licht violett glänzend. Altvögel haben eine unbefiederte, weißgraue Schnabelbasis. Jungvögel sind laut LBV sehr schwer von Rabenkrähen zu unterscheiden, weil ihre Schnabelbasis noch befiedert ist. In einem gemischten Trupp ist also nicht jede Krähe ohne helle Schnabelbasis eine Rabenkrähe.
  • Rabenkrähe — reinschwarz, Schnabelbasis dunkel und befiedert.
  • Nebelkrähe — hellgrauer Körper, schwarzer Kopf und schwarze Flügel.
  • Dohle — deutlich kleiner als die Krähen, dunkelgrau mit hellgrauem Nacken und kurzem Schnabel.
  • Kolkrabe — der größte Rabenvogel und der größte Singvogel überhaupt, mit kräftigem Schnabel und kehligen Rufen.

Was Rabenvögel im Winter fressen

Rabenkrähen und Elstern sind Allesfresser. Nach Angaben der Schweizerischen Vogelwarte nutzen sie jeweils die Nahrung am intensivsten, die gerade am einfachsten verfügbar ist. Vom Spätwinter bis in den Sommer dominieren bei den Altvögeln Regenwürmer und Insekten; ab dem Spätsommer steigt der Anteil pflanzlicher Kost wie Früchte, Beeren und Getreidekörner deutlich.

Saatkrähen suchen ihre Nahrung am Boden: Insekten und anderes Kleingetier, Keimlinge und Sämereien. Liegen gebliebenes Obst nehmen sie gern an, und Komposthaufen durchsuchen sie nach der Beobachtung des BUND besonders gründlich. Auch Aas verwerten Dohlen, Saat- und Rabenkrähen; mit der Beseitigung toter Tiere übernehmen sie laut LBV eine wichtige Rolle im Ökosystem.

In Siedlungen ist das Angebot über den ganzen Winter verlässlich. Herumliegende Essensreste, Komposthaufen, offene Abfalleimer und sogar Meisenknödel nennt der LBV als reichhaltige Quellen. Außerhalb der Orte sammeln sich die Trupps auf Feldern und — so der NABU — auch auf Müllkippen.

Vorräte aus dem Herbst

Ein Teil der Winternahrung wird schon vorher angelegt. Dohlen, Saat- und Rabenkrähen verstecken nach Angaben des LBV im Herbst Nüsse für den Winter. Beim Eichelhäher hat dieses Verhalten eine Nebenwirkung, die über den eigenen Bedarf hinausreicht: Er vergräbt Eicheln und Bucheckern, findet viele davon nicht wieder, und aus den vergessenen Verstecken wachsen junge Bäume. Der LBV bezeichnet diesen Beitrag zur natürlichen Waldverjüngung als unschätzbar.

Vom Sammelplatz zum Schlafplatz

Der abendliche Ablauf beginnt weit vom eigentlichen Schlafplatz entfernt. Auf Feldern, Müllkippen und anderen Nahrungsplätzen sammeln sich nachmittags die ersten Trupps, schließen sich zu größeren Schwärmen zusammen und brechen vor Sonnenuntergang auf. Im Dämmerlicht treffen am Schlafplatz Schwärme aus allen Richtungen ein, kreisen mit den bereits anwesenden Vögeln und lassen sich dann nieder. Elstern sind nach der Beschreibung des NABU fast alle schon vor Sonnenuntergang da, Saatkrähen kommen oft erst so spät, dass sich ihre Silhouetten kaum noch vom Nachthimmel abheben.

Strommasten und Leitungstrassen dienen häufig als Vorsammelpunkte. Erst sitzen wenige Vögel auf den Drähten, dann immer mehr; der Schwarm fliegt auf, kreist und lässt sich erneut nieder, oft bis in die Dunkelheit. Morgens verlassen die Vögel mit Sonnenaufgang den Schlafplatz und ziehen truppweise zur Nahrungssuche.

Geschlafen wird in hohen Bäumen, aber auch auf Überlandleitungen und in Industriegebieten. Die täglichen Wege dorthin sind beträchtlich: Die BUND-Kreisgruppe Dingolfing-Landau beschreibt Flüge von 20 Kilometern und mehr.

Warum sie gemeinsam schlafen

NABU und LBV nennen dieselben drei Vorteile: mehr Sicherheit vor Feinden, Austausch über ergiebige Nahrungsquellen und die Gelegenheit, einen Brutpartner zu finden. Im Schwarm herrscht dabei eine soziale Ordnung — dominante Vögel besetzen die geschützteren Plätze.

An einem über Jahre traditionell genutzten Schlafplatz können sich manchmal Zehntausende Saatkrähen treffen. Unveränderlich sind solche Traditionen aber nicht. Die BUND-Kreisgruppe Dingolfing-Landau berichtet, dass die Saatkrähen ihre Schlafbäume von einer baumbestandenen Insel im Mamminger Isar-Stausee auf Inseln im Dingolfinger Stausee verlegt haben; warum, ist auch dort offen.

Im Frühjahr lösen sich die Wintergemeinschaften auf. Ab März werden sie kleiner, im April verschwinden sie oft ganz: Die Saatkrähen ziehen in ihre Brutgebiete zurück, bei Standvögeln wie der Elster beginnen Brut und Revierverhalten. Nur Nichtbrüter nutzen Schlafplätze auch im Sommer, während die Brutpaare in ihrem Revier übernachten.

Warum so viele Schlafplätze in der Stadt liegen

Rabenvögel übernachten oft mitten in der Stadt. Der LBV nennt dafür mehrere Gründe: Vor Fressfeinden wie dem Uhu sind sie dort besser geschützt als in abgelegenen Wäldern, auf Gebäuden zudem vor nachtaktiven Säugetieren wie Marder oder Waschbär. In Städten ist es im Winter meist ein paar Grad wärmer als auf dem Land, und an einzelnen Stellen gibt es regelrechte Wärmeinseln — als Beispiel nennt der LBV das Glasdach einer Schwimmhalle. Der NABU ergänzt, dass die Stadt schneearm ist, Abfälle und Kunstlicht an kurzen Wintertagen bietet sowie Masten und hohe Bäume als übersichtliche Sitzplätze. Gegenüber Lärm und anderen Störungen zeigen die Vögel dabei eine große Toleranz.

Ungefährlich ist die Stadt nicht: Der LBV verweist auf Kollisionen mit Fahrzeugen und Glasscheiben, Stromschläge an ungesicherten Leitungen sowie Pestizide, Rattengift und Mikroplastik in der Nahrung. Warum Rabenvögel auch außerhalb des Winters in Siedlungen gut zurechtkommen, fasst die Übersicht zu Rabenvögeln in der Stadt zusammen. Welche Rolle innerhalb der Städte alte Baumbestände spielen, beschreibt der Beitrag über Rabenvögel in Parks und auf Friedhöfen.

Beobachten, ohne zu stören

Schlafplatzbeobachtungen sind im Winter oft mitten in der Stadt möglich. Der NABU empfiehlt etwas Zeit am späten Nachmittag, ein Fernglas und warme Kleidung. Kreisende Krähenschwärme am Abendhimmel weisen den Weg, und viele Plätze lassen sich gut aus der Distanz einsehen. Rabenvögel beobachten ihrerseits die Menschen genau, betont der LBV — wie weit dieses Gedächtnis reicht, zeigt die Forschung zur Frage, ob Krähen einzelne Menschen wiedererkennen.

Rechtlich gilt bundesweit das Bundesnaturschutzgesetz. § 39 Abs. 1 verbietet, wild lebende Tiere mutwillig zu beunruhigen. § 44 Abs. 1 Nr. 2 verbietet, europäische Vogelarten während der Überwinterungszeit erheblich zu stören; erheblich ist eine Störung, wenn sich dadurch der Erhaltungszustand der lokalen Population verschlechtert. Welche Arten zusätzlich dem Jagdrecht unterliegen, bestimmen neben dem Bundesjagdgesetz die Länder (§ 2 Abs. 2 BJagdG). Die Saatkrähe ist nach Angaben des LBV besonders geschützt und unterliegt nicht dem Jagdrecht. Giftköder und illegaler Abschuss sind laut LBV Straftaten nach dem Bundesnaturschutzgesetz. Verbindliche Auskunft zu einem konkreten Schlafplatz gibt die Untere Naturschutzbehörde; diese Seite ersetzt keine Rechtsberatung.

Vergrämungsaktionen an Schlafplätzen helfen nach Einschätzung des NABU nur nach dem St.-Florians-Prinzip — der Schwarm zieht an einen anderen Ort — und können andere Arten benachteiligen. Auch Zufüttern ist keine Hilfe: Die Schweizerische Vogelwarte rät davon ab, Krähen zu füttern, und in Städten und Dörfern findet sich laut BUND ohnehin immer etwas zu fressen.

Häufige Fragen

Bleiben Rabenvögel im Winter in Deutschland? Die meisten ja. Rabenkrähe und Elster sind Standvögel. Saatkrähen und Dohlen erhalten im Winter Zuzug aus Nord- und Osteuropa; bei der Saatkrähe liegt der Winterbestand deshalb deutlich über dem Brutbestand.

Warum sieht man im Winter so viele Krähen auf einmal? Weil sich ortsansässige Vögel und Wintergäste zu Trupps zusammenschließen und an Schlafplätzen aus einem Umkreis von mehreren Dutzend Kilometern zusammenkommen. Ein großer Schlafplatz sagt deshalb wenig über den Bestand in der unmittelbaren Umgebung aus.

Wann lösen sich die Schlafplätze auf? Ab März werden die Gemeinschaften kleiner, im April lösen sie sich oft ganz auf. Nichtbrüter nutzen Schlafplätze auch im Sommer.

Sollte man Krähen im Winter füttern? Nein. Die Schweizerische Vogelwarte rät von der Zufütterung von Krähen ab, und in Siedlungen finden die Vögel ganzjährig Nahrung.

Was hilft gegen einen lauten Schlafplatz? Vergrämung verlagert das Problem nach Einschätzung des NABU nur und kann andere Arten benachteiligen. Eingriffe während der Überwinterungszeit berühren zudem das Störungsverbot des Bundesnaturschutzgesetzes; zuständig ist die Untere Naturschutzbehörde.

Quellen

  1. NABU: Vogelschlafplätze — Übernachten in Gemeinschaft.
  2. NABU: Wintervögel bestimmen — Rabenvögel im Vergleich. Bestandsangaben nach „Vögel in Deutschland 2013“ (DDA, BfN, LAG VSW).
  3. LBV: Schwarze Vogelschwärme über Bayern — warum Rabenvögel jetzt besonders auffallen.
  4. LBV: Artenporträt Saatkrähe — Bestimmungsmerkmale von Alt- und Jungvögeln.
  5. LBV Kreisgruppe Rosenheim: Saatkrähen — Wintergäste und Schlafplätze in Bayern.
  6. BUND Naturschutz, Kreisgruppe Dingolfing-Landau: Saatkrähen — Winterschwärme im Isartal.
  7. LBV: Mythen und Fakten zu Elster, Krähe und Co. — Eichelhäher und Waldverjüngung.
  8. Schweizerische Vogelwarte: Elstern und Rabenkrähen im Siedlungsgebiet — Nahrung und Zufütterung.
  9. LBV: Krähenattacken — Interview mit Matthias Luy, LBV München.
  10. Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) § 39 und § 44 — allgemeiner und besonderer Artenschutz.
  11. Bundesjagdgesetz (BJagdG) § 2 — Tierarten, die dem Jagdrecht unterliegen.

Stand: 15. September 2026 · zurück zu Lebensraum